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Fleischerhaken für die Jets
Wie Flugzeuge zum Boden gelotst werden

Es geht zu wie in einem Taubenschlag, nur sind die "Tauben" und der "Schlag" von riesiger Dimension: Auf dem Münchner Flughafen startet oder landet im Durchschnitt alle 33 Sekunden ein Flugzeug. Aufs Jahr gerechnet werden 25 Millionen Fluggäste befördert. Dass es bei der dichten Start- und Landefolge nicht zu folgenschweren Zwischenfällen kommt, grenzt für den Laien an ein Wunder und ist auf den beiden Aussichtshügeln des Flugplatzes regelmäßig Gesprächsstoff.

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Da sagt der Vater zu seinem Sohn mit Blick nach oben: "Heute sind aber wieder viele Flugzeuge am Himmel. Und, schau mal, die Jets fliegen - wie an einer Kette aufgezogen - hintereinander die Landebahn an." Der Sprössling staunt: "Wieso stoßen die Flieger denn nicht zusammen?"
Es ist ein ausgeklügeltes, hochtechnisches System, das für einen geordneten Ablauf sorgt. Der Vater erklärt es dem Buben mit einem einfachen Vergleich: So gebe es am Himmel "Autobahnen", und die Piloten würden mittels fiktiver Verkehrszeichen die richtigen Routen einschlagen.
Die komplizierten Details verbergen sich in einem unscheinbaren Gebäude des Flughafens. Einziges Markenzeichen des rechteckigen Flachgebäudes: Eine Vielzahl von weiß-rot-gestreiften Antennen. Hier ist die Deutsche Flugsicherung (DFS) zuhause.

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Durchschnittlich alle 33 Sekunden landet oder startet ein Jet auf dem Münchner Flughafen. Wer sich nicht an die vorgeschriebenen Routen hält, wird automatisch erfasst.
Foto: dpa

Myriam Pfeiffer und Florian Bauer blicken konzentriert auf den Bildschirm. Wie rund 50 weitere Fluglotsen im Radarzentrum der DFS. Vor ihnen blinken in regelmäßigen Abständen Zahlenkombinationen als Symbol für Flugzeuge. Jedes Lotsenduo begleitet per Funk einen Jet, der im süddeutschen Luftraum unterwegs ist.
Jedes Flugzeug, das sich dem Münchner Flughafen nähert, wird auf den sogenannten "Fleischerhaken" gelotst. "Auf diesem, fiktiv in der Luft hängenden Gebilde, werden die Flugzeuge bis zur Landung geführt", erklärt Martin Köppl, bei der DFS für die Unternehmenskommunikation zuständig. Die genaue Position, die die Piloten einzunehmen haben, wenn sie in die Nähe des Hakens gelangen, wird ihnen von Lotsen wie Pfeifer und Bauer mitgeteilt. Vorgeschriebene Sicherheitsabstände zu anderen Jets werden im Radarzentrum ebenfalls kontrolliert.
Eine Stunde später spazieren Vater und Sohn auf einem Feldweg in Poing (Landkreis Ebersberg), östlich von München. Der Filius hört ein lautes Brummen am Himmel und entdeckt wieder einen großen Jet. "Wieso fliegt der so niedrig?", fragt er. Ratloses Schulterzucken. Denn: "Im Normalbetrieb kann es gar nicht sein, dass ein Flugzeug tief fliegt", sagt Flugsicherheits-Experte Köppl.
Gesetzliche Richtlinien regeln die Flughöhen. Im Luftfahrthandbuch Deutschland heißt es im Paragraph 36: "Die Sicherheitsmindesthöhe bei Flügen nach Instrumentenflugregeln (u. a. Passagierjets) beträgt - außer bei Start und Landung - mindestens 300 Meter über dem höchsten Hindernis, von dem sie weniger als acht Kilometer entfernt sind."
Eine weitere Höhe, die es einzuhalten gilt, ist die "Radarführungsmindesthöhe", informiert Köppl. Diese beträgt über dem Funkfeuer München (eine Art Leuchtturm für Piloten zur Orientierungsfindung), welches in Poing steht, mindestens 3600 Fuß (ca. 1090 Meter) über Meereshöhe, direkt südlich davon 4900 (ca. 1484 Meter) bzw. 5100 Fuß (ca. 1545 Meter) über Meereshöhe.
Dass diese Höhen eingehalten werden, dafür sorgt die DFS. "Unser Kontrollbereich erstreckt sich von Norditalien bis Baden-Württemberg", berichtet Köppl. Nur nach einer Erlaubnis durch die Fluglotsen (z. B. bei aufziehendem schlechten Wetter) oder in Notfällen darf der Pilot seine Flugverkehrsstrecke, im Volksmund "Luftstraße" genannt, verlassen. Sollte aber kein ernster Grund für eine abrupte Kursabweichung dahinter stehen, muss sich der Pilot auf Grundlage der von der DFS aufgezeichneten Daten vor dem Luftfahrtbundesamt verantworten.
Wer sich beim Start nicht an die vorgeschriebenen Abflugrouten hält, wird automatisch erfasst. Ernst Aschenbrenner ist der hauseigene Polizist der DFS und somit der Piloten. Er beobachtet jeden An- und Abflug am Computer und speichert die Linie. Schert ein Flugzeug aus, wird sofort nach den Gründen recherchiert: Handelt es sich um einen Rettungsflug? Einen Notfall? Oder geschah es vorsätzlich? Diese Fragen klärt Aschenbrenner bei hausinternen Untersuchungen - aber auch bei telefonischen Anfragen der Bürger, wenn ihnen nicht alltäglicher Fluglärm spanisch vorkommt.
Aufmerksamen Zuhörern wie dem kleinen Buben und seinem Vater ist zudem aufgefallen, dass im Münchner Osten, über den die vorgeschriebene Flugroute Richtung Süden verläuft, die Zahl der Flugbewegungen schwankt. Köppl erklärt den Grund: "Wenn in einem westlich von Fürstenfeldbruck liegenden militärischen Luftraum keine Übungsflüge stattfinden, dann nutzen wir dieses Gebiet auch für zivile Flugzeuge." Statt über den Osten Münchens düsen dann die Jets Richtung Westen zu ihren Zielflughäfen im Süden, wie zum Beispiel Rom.
"Ich habe Verständnis, dass sich Bürger über Fluglärm beschweren", sagt Köppl nachdenklich, aber er versichert: "Wir halten unsere Regeln ein." Beobachter am Boden könnten die Flughöhen ohne technische Unterstützung nur schätzen, sagt Köppl. Und den Abstand der Jets zum Boden empfinde jeder Mensch anders.

Armin Rösl

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Münchner Merkur, 01/2002


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